Digitale Herbarien als Schatzkammern biokultureller Vielfalt – neue Impulse aus der Forschung
Herbarien sind längst nicht mehr nur botanische Datenbanken. Zwischen gepressten Blättern und getrockneten Blüten steckt oft auch ein immaterieller Schatz: Wissen darüber, wie Pflanzen genutzt, gepflegt oder in Geschichten eingebettet werden. Dieses ethnobotanische Wissen ist ein Schlüssel zur biokulturellen Vielfalt – und genau darum geht es in einer aktuellen Studie von Robbie Hart und Kolleg*innen, erschienen 2025 in Plants, People, Planet:
- Hart, R. et al. 2025. Repositories of biocultural diversity: Toward best practices for empowering ethnobotany in digital herbaria. Plants People Planet: 1–9.
Die Forschenden haben Millionen digitalisierter Herbarbelege untersucht und festgestellt: Etwa 1,6 % davon enthalten ethnobotanische Angaben – also Hinweise zu lokalen Namen, Verwendungen, Heilwirkungen oder kulturellen Bedeutungen. Das klingt nach wenig, entspricht aber Hunderttausenden von Dokumenten weltweit.
Das Problem: Diese Informationen sind oft schwer auffindbar, uneinheitlich erfasst und selten so verknüpft, dass sie für Forschung, Bildung oder die Herkunftsgemeinschaften – indigene Völker und lokale Communities (IPLCs) – direkt nutzbar sind.
Best Practices für eine neue Herbar-Kultur
Das Paper schlägt einen Wandel vor:
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Globale Standards für die Erfassung ethnobotanischer Daten entwickeln
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Gemeinschaften einbeziehen, deren Wissen dokumentiert wird – nicht nur als Quellen, sondern als gleichberechtigte Partner*innen
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Ethik Richtlinien: kulturelles Wissen soll geschützt, nicht ausgebeutet werden
Diese Prinzipien könnten aus Herbarien nicht nur botanische, sondern auch kulturelle Gedächtnisinstitutionen machen.
Warum das für die Schweiz relevant ist
Auch Schweizer Herbarien – von Universitäten bis zu Museen – bewahren ethnobotanisches Wissen. Ob alpine Heilpflanzen, traditionelle Färberpflanzen oder Nutzpflanzen der Einwanderungsgeschichte: In ihren Schubladen liegen Geschichten, die im digitalen Raum bislang nur bruchstückhaft sichtbar sind.
Das Ethnobiologie Netzwerk Schweiz kann hier eine wichtige Rolle spielen – als Plattform, um Standards mitzuentwickeln, Sammlungen zu vernetzen und den Dialog zwischen Forschenden, KuratorInnen und lokalen WissensträgerInnen zu fördern.
So könnten digitale Herbarien zu Brücken zwischen Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft werden – und die biokulturelle Vielfalt nicht nur archivieren, sondern lebendig halten.